Friedenscamp für Kinder und Jugendliche in Gauangelloch

Foto: Katrin Modabber

In den Bahá’í-Schriften steht: “Alle Völker der Welt haben die Pflicht, ihre Gegensätze auszugleichen und in vollkommener Einheit und in Frieden […] zu wohnen.[1]Fußnote: Bahá’u’lláh, Ährenlese 4:1 Deshalb bemühen sich Bahá’í auf der ganzen Welt, aktiv zum Frieden beizutragen.

GAUANGELLOCH, Baden-Württemberg. Eine Gruppe von Freunden in Gauangelloch lud diesen Sommer Kinder und Jugendliche aus der Nachbarschaft und Region zu einem Friedenscamp ein. Über 100 Menschen folgten der Einladung. Während der Woche wurde eine positive Entwicklung sowohl bei den einzelnen Teilnehmern als auch in der Gemeinschaft spürbar. Katrin lebt mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen in der Nachbarschaft und hat das Camp mitorganisiert. Im Gespräch mit Bahá’í vor Ort erzählt sie von “einer der besten Wochen ihres Lebens”. 

Ihr blickt jetzt auf ein zehntägiges Camp in eurer Nachbarschaft zurück. Es gab Studienkreise für Jugendliche, Kindertage und eine Woche für Juniorjugendliche, also junge Menschen zwischen 12 und 15 Jahren. Wie fühlt ihr euch? 

Wir sind sehr glücklich und unsere Herzen sind voller Dankbarkeit für diese unglaubliche Zeit, die uns alle unendlich bereichert und jeden von uns verändert hat. Es ist sehr schwer, die Gefühle zu beschreiben, die uns bewegen. 

Was zeichnete die zehn Tage aus? Gab es besondere Momente? 

Die zehn Tage zeichneten sich durch einen enorm starken Geist der Liebe, Einheit und Zusammenarbeit aus, der unter allen Teilnehmenden herrschte, und zwar gruppen- und altersübergreifend. 

Foto: Katrin Modabber
Juniorjugendliche zwischen 12 und 15 Jahren entdeckten ihr Potential.

Ich erinnere mich zum Beispiel an einen kleinen vierjährigen Jungen, der eines Morgens mit einem wunderschönen blauen Luftballon ankam. Einem anderen Jungen gefiel der Ballon sehr und er sagte, dass er auch gerne einen Ballon hätte. Leider waren keine Luftballons vorhanden. Einige Minuten später sah einer der Lehrer, dass der zweite Junge ebenfalls einen blauen Luftballon hielt und fragte ihn überrascht, woher er diesen Ballon habe. Der kleine Junge antwortete, der andere Junge habe ihn ihm geschenkt.  

Ein junger iranischer Mann, der in der Ukraine studiert hatte und bei Ausbruch des Krieges geflohen war, nahm an der Abschlussfeier des Camps teil. Eine Woche zuvor hatte er geäußert, dass er Religion hasse. Er war aber von der Stimmung bei der Versammlung, die er spontan mit schöner Klaviermusik bereicherte, so tief bewegt, dass er den Wunsch äußerte, sich ebenfalls in die Projekte der Bahá’í einzubringen. Zwei Tage später nahm er an der Vorbereitung einer Jugendandacht teil und sprach ein persisches Gebet.

Was war euer Ziel für das Camp? Habt ihr es erreicht? 

Die Ziele des Camps waren, die Intensität rund um die Entwicklung der Gemeinschaftsstärkung in der Nachbarschaft zu erhöhen, ein Umfeld zu schaffen, das bei den Teilnehmenden positive Transformation verursacht, Kapazitäten für den Dienst an anderen aufzubauen und einen Rahmen zu schaffen, in dem lokale Freunde sowie Freunde aus umliegenden Regionen gemeinsam lernen können. 

Wir sind sehr dankbar und glücklich darüber, was wir in Bezug auf alle diese Ziele in den 10 Tagen erreicht haben!  

Wie habt ihr es geschafft, dass sich so viele Personen eingebracht haben? 

Foto: Katrin Modabber
Gemeinsam verbesserte das Team die Nachbarschaft.

Während der Vorbereitungsphase und des Camps selbst herrschten unbeschreiblicher Zusammenhalt und hingebungsvolles Engagement unter allen Beteiligten. Es war bemerkenswert einfach, Menschen zu finden, die bereit waren, die verschiedenen Gruppen anzuleiten oder als Köche und Gastgeber zu unterstützen. Jede Tür, an die wir klopften, wurde weit geöffnet, und das Ausmaß an Unterstützung, Hilfsbereitschaft und Opferbereitschaft war bemerkenswert. Bei allen Beteiligten war ein starkes Gefühl der Eigenverantwortung zu spüren. Das Fehlen jeglicher Art von Kritik, übler Nachrede oder Schuldzuweisung trug zum Geist der Einheit und dem starken Gefühl der Sicherheit bei, das alle empfanden.  

Wenn so viele verschiedene Menschen zusammenarbeiten, kommt es doch sicher auch zu Konflikten. Wie geht ihr damit um? 

Wenn sich über 100 Menschen für eine gewisse Zeit einen Raum teilen, kommt es natürlich auch zu Konflikten. Ein besonders schwieriger Konflikt entstand zwischen zwei Juniorjugendlichen. Er endete in einer körperlichen Auseinandersetzung, die bei einem Jungen den Wunsch weckte, das Camp zu verlassen. Mit der liebevollen Unterstützung der Betreuer gelang es den Juniorjugendlichen, ihren Konflikt durch Beratung miteinander zu lösen und ihre Freundschaft wiederherzustellen. Am Ende sagte ein beteiligter Junge, der aufgrund eines Krieges aus einem anderen Land geflüchtet war: „Wenn die Politiker in meinem Land das gelernt hätten, gäbe es keinen Krieg.“ 

Wie hat das Camp euer Umfeld beeinflusst? Welche nächsten Schritte seht ihr? 

Foto: Katrin Modabber
An der Morgenandacht beteiligten sich über 100 Personen.

Da das Camp in der Nachbarschaft stattfand, war der Einfluss auf vielen Ebenen spürbar. Dutzende Familien aus der Nachbarschaft waren in unterschiedlichster Art und Weise in das Camp involviert und unterstützten es auf vielfältige Weise. Dadurch wurde der Geist der Einheit und Zusammenarbeit in der Nachbarschaft deutlich gestärkt, die Kinderklassen und Juniorjugendgruppen freuen sich über neue Teilnehmer und eine ganze Reihe Menschen haben sich bereit erklärt, die Aktivitäten auch in Zukunft weiter zu begleiten und zu unterstützen. 

Welchen Tipp würdet ihr anderen Familien geben, die auch so eine Entwicklung in ihrer Umgebung bewirken möchten? 

Foto: Katrin Modabber
Entwicklungen in der Nachbarschaft werden sichtbar.

Die Grundlage, auf der ein solches Camp wachsen kann, ist echte Freundschaft mit den Menschen in der Nachbarschaft und viel Vertrauen in ihre Fähigkeiten. Es ist ein Unterfangen, in das in unserem Fall 60 Menschen Zeit und Mühe investiert haben. Jeder hat im Rahmen seiner Möglichkeiten dazu beigetragen und durch Vertrauen in die Fähigkeiten jedes Einzelnen konnte so diese wundervolle Erfahrung entstehen.  

Wenn ein tiefer Wunsch, zur geistigen und materiellen Entwicklung in der Nachbarschaft beizutragen, mit den Werkzeugen des Trainingsinstituts verbunden wird, kann eine solche Entwicklung stattfinden. Vielleicht ist es in dem Zusammenhang noch erwähnenswert, dass unsere Gemeinde nur aus einer Handvoll erklärter Bahá’í besteht, das Camp jedoch durch die enge Zusammenarbeit mit den Freunden in der Nachbarschaft von sehr vielen Menschen getragen wurde. 

Ihr investiert viel Liebe, Zeit und Mühe in eure Nachbarschaft. Was motiviert euch, dran zu bleiben? 

Ich denke, dass uns vor allem zwei Dinge motivieren – einerseits das intensive Gefühl der Dringlichkeit, das uns angesichts der Situation der Welt und der vielfältigen Probleme, mit denen die Menschheit konfrontiert ist, motiviert und anspornt, unseren Beitrag zur Besserung der Welt zu leisten. Andererseits die unbeschreibliche Freude an der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, der Geist der Einheit und Liebe, der durch die Bemühungen entsteht. Besonders berührend dabei ist es, die Entwicklung bei den Kindern und Jugendlichen zu sehen, wie sie sowohl individuell zu immer liebevolleren, kooperativeren, mitfühlenderen und aufrichtigeren jungen Menschen aufblühen und wie die Gemeinschaft immer stärker, resilienter, beratungsfähiger und dienstbereiter wird. Der Einfluss auf die Kultur des Dorfes wird von Jahr zu Jahr mehr spürbar und das ist ein ganz starker Motivationsfaktor für alle Beteiligten. 

Auch in Ihrer Nähe gibt es Friedensbemühungen, Kinderklassen, Juniorjugendgruppen und Nachbarschaftscamps der Bahá’í-Gemeinde. Hier finden Sie Ihren Ansprechpartner. 

Fußnoten[+]

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