„Ein Lichtstrahl inmitten des Zusammenbruchs“: Gemeindebildung in Spanien stärkt die Resilienz gegen Überschwemmungen

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Der nachfolgende Artikel wurde auf Bahá’í World News Service veröffentlicht und kann hier im englischen Original gelesen werden: “Something luminous amid the ruin”: Community-building in Spain enhances resilience to floods | BWNS

Sieben Monate nach den katastrophalen Überschwemmungen im Osten Spaniens haben die Gemeinden inmitten des laufenden Wiederaufbaus tiefere Fähigkeiten zur Einheit, zum Dienst und zur Resilienz entdeckt.

VALENCIA, Spanien – Als sich am 29. Oktober 2024 die Himmel über der ostspanischen Region Valencia öffneten, konnte sich niemand vorstellen, welche Verwüstungen folgen würden. In nur 24 Stunden registrierte die Wetterstation AEMET in Turís eine noch nie dagewesene Regenmenge von 771,8 mm – fast die Menge eines ganzen Jahres, die in nur drei Stunden niederging. Die Poyo-Schlucht schwoll an und entfesselte in 75 Gemeinden im Osten Spaniens katastrophale Überschwemmungen.

Die Wassermassen forderten mehr als 230 Menschenleben, betrafen 1,8 Millionen Einwohner und zerstörten Zehntausende von Häusern und Geschäften. Sieben Monate später sind die Spuren der materiellen Verwüstung immer noch sichtbar. Doch neben dieser Zerstörung hat sich auch eine andere Realität herauskristallisiert: ein tiefgreifender Wandel in den Beziehungen zwischen Menschen und ganzen Gemeinschaften.

Am 29. Oktober 2024 verursachten Regenfälle in Valencia, die alle Rekorde brachen, katastrophale Überschwemmungen in 75 Gemeinden im Osten Spaniens.

„Inmitten von so viel materiellem und emotionalem Zusammenbruch haben wir auch einen Lichtstrahl gesehen“, meint Shirín Jiménez, Mitglied des Regionalen Bahá’í-Rates von Ostspanien. „Die Krise hat viele in die Lage versetzt, Gewohnheiten des Individualismus abzulegen, und unsere Fähigkeit zu echter gegenseitiger Unterstützung offenbart – Nächstenliebe, die unsere Gesundung eingeleitet hat.“

Mehr als nur materielle Hilfe

Die anfängliche Reaktion konzentrierte sich auf die Deckung der unmittelbaren materiellen Bedürfnisse – die Beseitigung von Wasser und Schlamm, die Verteilung von Lebensmitteln und Vorräten sowie die Bereitstellung von Unterkünften. Junge Menschen aus den betroffenen Gebieten und aus ganz Spanien, engagiert in Bahá’í-Gemeindebildungsprojekten, welche Fähigkeiten für den Dienst am Nächsten entwickeln, halfen bei der Beseitigung von Trümmern und der Unterstützung der betroffenen Nachbarschaften.

Jugendliche, die an gemeindebildenden Maßnahmen teilnehmen, standen bei den Wiederaufbaubemühungen an vorderster Front.

Der Nationale Geistige Rat der Bahá’í in Spanien stellte das Bahá’í-Zentrum in Llíria, einer Kommune der Stadt Valencia, für die Unterbringung von Sicherheitskräften zur Verfügung, die bei der Katastrophe eingesetzt waren. Sieben Wochen lang beherbergte das Zentrum 476 Polizeibeamte aus 46 verschiedenen Orten in Spanien. 24 Freiwillige waren täglich im Einsatz, um für Mahlzeiten, Wäscheservice und ein angenehmes Umfeld in dieser traumatischen Zeit zu sorgen.

Das Zentrum wurde zu einem Raum für bedeutsame Beziehungen. „Was als praktische Hilfe begann, verwandelte sich in eine gemeinsame Lernreise“, berichtet Shabnam Majidi, eine Freiwillige, die im Zentrum mitarbeitete.

Sie fügt hinzu: „Die Polizisten kehrten jeden Abend erschöpft von ihrer Arbeit in den verwüsteten Gemeinden zurück und fanden nicht nur körperliche Ruhe, sondern auch echte menschliche Beziehungen. Viele sagten, dass die Atmosphäre der Fürsorge und des gemeinsamen Bemühens ihnen Kraft gab, ihre schwierige Arbeit fortzusetzen.“ 

Das Bahá’í-Zentrum in Llíria, einer Kommune der Stadt Valencia, beherbergte während der Katastrophenhilfe 476 Polizeibeamte aus 46 Gemeinden. Täglich sorgten 24 Freiwillige für Mahlzeiten, Wäscheservice und ein angenehmes Umfeld für die im Zentrum stationierten Helfer.

In Nachbarschaften, in denen sich die Menschen zuvor in Bahá’í-Initiativen der Gemeindebildung engagiert hatten, entstand eine Reaktion, die sowohl die materielle als auch die geistige Dimension des Wiederaufbaus berücksichtigte. Einige bildeten Teams, um den Bewohnern Räume zu bieten, in denen sie ihre Erfahrungen verarbeiten und inmitten ihres Leids einen Sinn finden konnten.

In einem Gespräch mit dem Nachrichtendienst erklärte Jéssica Álvaro, ein Hilfsamstmitglied: „In ihren Gesprächen versuchten die Teilnehmer der gemeindebildenden Initiativen, sowohl Raum für den Ausdruck der Trauer als auch für das Nachdenken über Hoffnung zu schaffen. Viele fanden Trost darin, nicht nur über das Verlorene zu sprechen, sondern auch über das, was entdeckt wurde – die Fähigkeit zum Mitgefühl, die Stärke, die in der Einheit liegt, die Möglichkeit, gemeinsam etwas Besseres aufzubauen.“

Zu den ersten Maßnahmen gehörten die Beseitigung von Trümmern, die Verteilung von Hilfsgütern und die Bereitstellung von Unterkünften.

Stärkung von Bildungsinitiativen

In den Tagen nach der Katastrophe begannen die Betreuer von Bahá’í-Erziehungs- und Bildungsprogrammen damit, improvisierten Unterricht für Kinder in Algemesí zu geben – einem der am stärksten betroffenen Gebiete, in dem die Schulen zerstört worden waren.

„Sie schufen einen Lernraum unter außergewöhnlichen Umständen – manchmal benutzten sie die Motorhaube eines beschädigten Autos als behelfsmäßigen Schreibtisch“, erinnert sich Frau Álvaro. „Trotz der schwierigen Bedingungen beschäftigten sie die Kinder mit Aktivitäten, die nicht nur Momente der Ablenkung von der Verwüstung boten, sondern auch echte Freude. Als die Eltern ihre Kinder nach Tagen der Not lachen und lernen sahen, fragten sie sofort, ob diese Kinderklassen weitergeführt werden könnten.“

Inmitten der Verwüstung schufen Betreuer von Bahá’í-Erziehungs- und Bildungsprogrammen in Algemesí, wo die Schulen zerstört worden waren, ein fröhliches Umfeld für die Kinder, oft mit behelfsmäßigen Tischen.

Was als spontane Reaktion begann, entwickelte sich zu regelmäßigen moralischen Bildungsaktivitäten für Kinder und Jugendliche in der Nachbarschaft.

„Diese Lernräume haben den jungen Menschen geholfen, ihre Fähigkeit zu erkennen, einen sinnvollen Beitrag zum Wiederaufbau ihrer Gemeinschaft zu leisten“, erklärt Gloria Ulloa, die eine der Jugendgruppen leitet, die während der Krise entstanden sind. „Sie entdecken, dass sie selbst in unsicheren Zeiten Quellen der Hoffnung und des positiven Handelns in ihren Familien und Nachbarschaften sein können.“

„Gracias por arreglar el cole“ – ein Zettel von einem Kind, auf dem steht: „Danke, dass ihr die Schule repariert habt.“

Förderung von kollektiven Mustern des Gemeindelebens

In der heutigen spanischen Gesellschaft, wie auch in vielen anderen Teilen der Welt, hat der schnelle Rhythmus des täglichen Lebens die nachbarschaftlichen Bindungen allmählich geschwächt. Die Überschwemmungen im Oktober lösten eine unmittelbare Welle der Solidarität aus, doch am bemerkenswertesten ist, wie dieser erste Impuls durch gemeindebildende Initiativen kultiviert und aufrechterhalten wurde. Regelmäßige Andachten und Ethikunterricht für Kinder und Jugendliche bieten den Bewohnern einen Raum, in dem sie beten, sich beraten und Dienste planen, die Gewohnheiten gegenseitiger Unterstützung und Fürsorge stärken.

Eine Jugendgruppe, die an ethischen und geistigen Bildungsprogrammen der Bahá’í teilnimmt, reinigte die Flussufer in Ribarroja, wo der Fluss über die Ufer getreten war, und regte dadurch eine breitere Beteiligung der Gemeinde an.

„Vor den Überschwemmungen herrschte oft eine gewisse Reserviertheit zwischen den Nachbarn – die Menschen lebten vielleicht jahrelang nebeneinander und hatten nur wenig miteinander zu tun“, meinte Frau Álvaro. „Was wir erlebt haben, ist eine bemerkenswerte Öffnung der Häuser und Herzen. Menschen, die sich früher kaum gegrüßt haben, heißen sich jetzt bereitwillig in ihren Häusern willkommen und erkundigen sich aufrichtig nach dem Wohlergehen des anderen.“

An diesen Orten haben sich die Prioritäten verschoben. Materielle Besitztümer scheinen weniger wichtig zu sein als zwischenmenschliche Beziehungen und gemeinsame Verantwortung. Die Freundschaftsbande zwischen vielen Nachbarn sind so stark geworden, dass sie wie Großfamilien funktionieren.

In Llíria trafen sich einige Monate nach den Überschwemmungen Jugendliche aus der ganzen Region, um über ihre laufenden Bemühungen zur Stärkung der ethischen und geistigen Erziehungs- und Bildungsprogramme nachzudenken. Noch an demselben Wochenende organisierten sie Hilfsprojekte in den Nachbarstädten, die noch immer im Begriff sind, sich von der Katastrophe zu erholen, und erweiterten so die laufenden Hilfsbemühungen.

„Die Krise hat gezeigt, was wirklich wichtig ist“, erklärt Frau Jiménez. „Viele Ressourcen, die einst als privat galten, werden nun bereitwillig geteilt. Jetzt lautet die Frage nicht mehr ,Was gehört mir?‘, sondern vielmehr ,Was brauchen wir gemeinsam?‘“

Jugendliche helfen den Bewohnern in Paiporta, indem sie Wände streichen und bei verschiedenen Reparaturen helfen.

Zwei Teilnehmer der Jugendgruppen, Reyes und Ricardo, beobachten diese Veränderung jede Woche: „Hoffnung entsteht, wenn man Einigkeit in Aktion sieht“, sagen sie. „Wir schöpfen gegenseitig Kraft voneinander. Die Freude liegt im Dienen – bisweilen an der Seite von Menschen, die wir noch nie zuvor getroffen haben.“