Klinik-Andacht wird zur Kraftquelle für Patienten

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Hubert aus Lüdinghausen initiierte eine Andacht während seines Klinik-Aufenthaltes, Foto: Jonathan Reinartz

Neben dem persönlichen Gebet spielt für Bahá’í auch das gemeinsame Beten, etwa in der Familie oder in der Nachbarschaft, eine zentrale Rolle. „An diesen Andachten kann jede Seele teilnehmen und hat die Möglichkeit, die himmlischen Düfte zu atmen, die Süße des Gebets zu erleben, über das schöpferische Wort zu meditieren, sich auf den Schwingen des Geistes zu bewegen und Zwiesprache mit dem Einen Geliebten zu halten.“1 Hubert aus Lüdinghausen (Nordrhein-Westfalen) leidet an einer zunehmenden Erblindung und war zur Behandlung der damit einhergehenden psychischen Belastung für sieben Wochen in einer psychosomatischen Klinik. Dort hat er eine morgendliche Gebetsrunde initiiert, die eine starke Resonanz gefunden hat. Bahá’í vor Ort war bei dem 71-jährigen Rentner zu Besuch und hat nachgefragt.

Wie sah eine typische Morgenandacht in der Klinik aus?

Wir haben uns in der Woche jeden Morgen um fünf vor halb acht zur Gebetsrunde in einer ehemaligen Kapelle auf dem Klinikgelände getroffen. Es waren sehr unterschiedliche Personen dabei: Katholiken, Freikirchler, Protestanten, auch Priester. Das ging von mindestens drei Personen bis zu sieben oder acht Leuten. Wir haben in einem Kreis gesessen. Später hat jemand eine Kerze mitgebracht, die in der Mitte stand. Meistens wurden freie Gebete gesprochen: Jemand hat dann angefangen zu erzählen, was ihm am Herzen lag, was er Gott mitteilen wollte. Das machte dann die Runde und, ohne dass kommentiert wurde, kam der Nächste dran. Ich habe dann Gebete aus den Bahá’í-Schriften gesprochen, die ich auswendig konnte. Es kamen auch manchmal Tränen – bei einigen Patienten und auch bei mir. Alle waren sehr aufrichtig. Bevor es nach etwa einer Viertelstunde zum Frühstück ging, haben wir jedes Mal zum Abschluss das Vater Unser gesprochen, weil alle sich in diesem Gebet wiederfinden konnten und das bildete dann so eine Einheit. Es war sehr schön, ein Gebet zu finden, das alle in ihrem Herzen tragen können.

Wie kam es zu der Initiative?

Als ich am ersten Tag in der Klinik ankam, da bin ich in mich gegangen und habe mich gefragt: Was willst du jetzt hier machen, warum bist du hier, was strebst du an? Ich habe eigentlich weniger an mein persönliches Schicksal mit der zunehmenden Erblindung gedacht. Ich hatte eher das Gefühl, dass ich alles aufsaugen will, was da ist, alles mitmachen und vollen Kontakt zu den Menschen um mich herum haben möchte. Irgendwie kam damit auch der Wunsch danach, mit den Menschen zu beten und mich auch auf dieser geistigen Ebene mit ihnen auszutauschen. Es war mir ein Bedürfnis, zumal ich seit Jahren bei einer Morgenandacht teilnehme. Es war für mich schon eine Gewohnheit, in einer Gruppe zu beten. Ich wollte also eine Morgenandacht in der Klinik einführen; ich wollte etwas mit den Menschen teilen, die dort waren.

Aushänge an verschiedenen Orten in der Klinik luden zur morgendlichen Gebetsrunde ein.

Wie hast du zur Gebetsrunde eingeladen?

Zunächst war es ein Hin und Her, wo ich auf den rechten Augenblick warten wollte. Nach zwei Wochen fanden wir uns dann einmal in einer größeren Gruppe mit circa 20 Personen zusammen. Als ich an die Reihe kam, habe ich gedacht: Jetzt ist der richtige Augenblick! Jetzt kannst du einfach mal fragen, wer Interesse daran hätte, morgens bei einer Gebetsrunde mitzumachen. Der Chefarzt kannte den Bahá’í-Glauben schon von meinem letzten Aufenthalt und hat meinen Vorschlag der Morgenandacht unterstützt. Er meinte, dass das Göttliche für viele eine Quelle der Heilung sein kann und dass es für uns bedeutsam sein kann, zu beten und die geistige Ebene weiter zu verfolgen. Die ersten interessierten Patienten zeigten schon vorsichtig auf. Ein Mann war sofort dabei und hat direkt einen Aushang geschrieben. Davon hat er zwei Ausdrucke erstellt. Einer wurde bei der ehemaligen Kapelle, wo die Andacht stattfinden sollte, aufgehängt und der andere am schwarzen Brett, sodass es für alle sichtbar war. Wahrscheinlich hat es sich auch ziemlich schnell herumgesprochen, dass so etwas stattfinden sollte.

Wie war die Resonanz des Klinikpersonals?

Manchmal wurde ich von Therapeuten angesprochen. Meine persönliche Therapeutin meinte, sie fände das sehr mutig von mir. Ich fand es nicht so mutig, weil ich im Grunde genommen durch die vielen Jahre mit Bahá’í-Gebeten und -Andachten doch gut vorbereitet war. Dazu kam, dass ich die Pfleger und Therapeuten ab und an gebeten habe, mir Gebetskarten vorzulesen, die ich aufgrund der Erblindung nicht selber lesen kann. Dann habe ich gesagt: „Wenn Ihnen ein Gebet gefällt, dann können Sie das gerne nehmen!“ Ich kann mich erinnern, dass da mehrere waren, die die Karten, die ihnen gefallen haben, genommen haben. Und da habe ich gemerkt, dass der Großteil der Menschen zwar nicht viel darüber redet, aber doch dieses geistige Bedürfnis verspürt.

Hubert hatte bunte Karten mit Zitaten und Gebeten aus den Bahá’í-Schriften dabei.

Welche Wirkung hatte das gemeinsame Beten auf die teilnehmenden Patienten?

Alle waren im Grunde genommen sehr angetan davon, dass wir uns regelmäßig morgens trafen und dass sie die Möglichkeiten hatten, in der Gruppe zu beten. Die Menschen wurden beim Beten immer freier und haben völlig frei von ihrem Herzen gesprochen. Dadurch war es eine sehr ehrliche Runde. Auch die Beziehungen zu den Einzelnen wurden intensiver: Man frühstückte dann zusammen oder man vereinbarte einen Spaziergang und so hat uns die Gebetsrunde ein bisschen näher zusammen gebracht. Am Ende der Zeit hat mich ein 84-jähriger Mann wirklich herzlich in den Arm genommen.

Gab es Herausforderungen, die du überkommen konntest?

Es war mal eine Frau dabei, die eine etwas andere Vorstellung hatte. Sie suchte nicht den spirituellen Zugang, sondern eine andere Form des Gesprächs und sagte Dinge, die eigentlich nichts mit Beten zu tun hatten. Im ersten Augenblick, dachte ich: Oh, was ist jetzt los? Aber ich habe sie einfach erzählen lassen, denn ich wollte nicht, dass sie sich vor den Kopf gestoßen fühlt. Nachher habe ich ihr dann gesagt, dass sie ruhig frei äußern kann, was sie möchte und was ihr wichtig ist. Sie war dann noch oft da und hat zugehört, aber nichts gesagt. Vielleicht hat sie die Atmosphäre nur so auf sich wirken lassen. Es ist wichtig, dass man in solchen Fällen nicht zulässt, dass etwas die Ordnung in irgendeiner Weise sprengt, und dass man die Person respektvoll behandelt und sie bittet, zu sagen, was ihr wichtig ist.

Was hast du aus der Zeit gelernt?

Dieser Klinikaufenthalt war für mich ein Übungsfeld fürs Leben. Mir ist klar geworden: Das, was ich sage oder tue, kann für andere von Bedeutung sein. Vorher habe ich mir nicht eingestanden, dass ich gut genug bin. Ich glaube, es geht vielen Menschen so. Wir fühlen uns immer viel zu schwach. Dieses Vorurteil habe ich aufheben müssen. Zum Beispiel habe ich jetzt bemerkt, dass ich Menschen inspirieren kann, an einer Morgenandacht teilzunehmen, und dass ich eine Gebetsrunde anleiten kann. Ich habe mir gesagt: Das geht doch, ist doch gar nicht so schwierig. Man sollte nicht zögern, sondern ruhig neugierig sein und das mal ausprobieren. Wenn du einen Schritt auf Gott zugehst, dann kommt Er dir zehn Schritte entgegen.

Hubert zeigt die Kaligraphie, die er dem Chefarzt der Klinik überreicht hat: „Gesegnet ist der Ort und das Haus und der Platz und die Stadt und das Herz und der Berg und das Obdach und die Höhle und das Tal und das Land und das Meer und die Insel und die Au, wo Gottes gedacht und Sein Lob gepriesen wird.“ – Bahá’u’lláh, Foto: Jonathan Reinartz
Hubert zeigt die Kalligraphie, die er dem Chefarzt der Klinik überreicht hat: „Gesegnet ist der Ort und das Haus und der Platz und die Stadt und das Herz und der Berg und das Obdach und die Höhle und das Tal und das Land und das Meer und die Insel und die Au, wo Gottes gedacht und Sein Lob gepriesen wird.“ – Bahá’u’lláh

Wie ist es mit dem Kontakt zum Chefarzt weitergegangen?

Ich hatte intensiven Kontakt mit dem Chefarzt. Er hatte sehr viele Fragen zum Bahá’í-Glauben. Am letzten Tag bei der Visite sagte er, er könnte mich eigentlich gar nicht gehen lassen – ich müsste ihm noch mindestens ein halbes Jahr lang Fragen beantworten. Nach meinem Klinikaufenthalt hat meine Frau einen Ausdruck von einer Kalligraphie für ihn gemacht, die ein Zitat Bahá’u’lláhs darstellt. Zwei Wochen später kam eine Karte des Chefarztes an, auf der es hieß: „Haben Sie herzlichen Dank für das eindrucksvolle Bild mit dem wunderschönen Spruch. Es wird einen Ehrenplatz haben und mich an Ihre Freundlichkeit, Offenheit und Ihr Engagement für die morgendliche Andachtsgruppe erinnern.

Auch in Ihrer Nähe finden Andachten statt. Wenn Sie Kontakt aufnehmen möchten, melden Sie sich gerne unter kontakt(at)bahai.de. 

Fotos: Jonathan Reinartz, Gabriele Vormann

  1. Das Universale Haus der Gerechtigkeit, Botschaft vom 2015-12-29 Zum kommenden Fünfjahresplan der Bahá’í Gemeinde weltweit, Auflage 1.01-online (2015-12-29), bibliothek.bahai.de, Bahá’í Verlag 2015 ↩︎