
Die Gesellschaft für Bahá’í-Studien bietet Menschen, die an gesellschaftlich relevanten Themen wie Umwelt und Landwirtschaft, Medien oder Überwindung von Rassismus interessiert sind, einen Raum, um gemeinsam zu lernen. In sogenannten Interessengruppen wird darüber beraten und ergründet wie Einsichten aus der Wissenschaft und den Bahá’í-Schriften im täglichen Handeln zum Ausdruck gebracht und in gesellschaftliche Diskurse eingebracht werden können. Shirin engagiert sich in der Interessengruppe Gesundheit. Anfangs wurden dort Themen wie das Arbeitsklima im Gesundheitswesen, die Arzt-Patienten-Beziehung, heilsame Ernährung oder Resilienz behandelt. Seit Anfang 2023 beschäftigt sich die Gruppe mit dem Thema Einsamkeit.
Wieso befasst du dich mit dem Thema Einsamkeit?
In meiner jahrelangen hausärztlichen Tätigkeit habe ich immer wieder festgestellt, dass Einsamkeit ein wesentlicher, gesundheitsrelevanter Faktor ist, und ich finde das auch in meiner aktuellen psychotherapeutischen Tätigkeit bestätigt.
In der Interessengruppe Gesundheit blicken wir nicht nur von wissenschaftlicher Seite auf das Thema, sondern auch aus einer geistigen Perspektive. Wir fragen uns, welche Themen in Zusammenhang mit Einsamkeit stehen, wie wir eine Kultur der Fürsorge in unserem Umfeld etablieren können, in der sich jeder – unabhängig von Alter, Geschlecht, kulturellem oder religiösem Hintergrund – als wertvoll und beitragend erleben kann.
Was hat Einsamkeit mit Gesundheit zu tun?
Chronische Einsamkeit ist ein erhebliches Gesundheitsrisiko, das körperlich und seelisch krank machen kann. Im gesellschaftlichen Diskurs ist das Thema Einsamkeit als gesundheitsrelevanter Faktor inzwischen allgegenwärtig. Sie führt zu Ängsten, Scham und einem Gefühl des Vergessenwerdens, das Betroffene isoliert und gesundheitlich schwer belastet.
Krankenkassen haben Programme gegen Einsamkeit. Es gibt Beratungsstellen und Sorgentelefone. Reicht das aus?
Programme von Krankenkassen, Beratungsstellen und Sorgentelefone sind wichtige, niedrigschwellige erste Anlaufstellen. Sie bieten anonyme Unterstützung und Beratung. Ob dies allerdings ausreicht, ist fraglich. Krankenkassen raten zum Beispiel dazu, sich einen Hund anzuschaffen, Freunde anzurufen oder rauszugehen. In jedem Fall müsste die Person selbst den ersten Schritt tun. Auch in den Medien finden wir inzwischen viele Artikel mit Tipps, wie man der Einsamkeit begegnen könne: Kontakte knüpfen, Hobbys pflegen, Sport machen, sich einem Verein anschließen, … Die Herausforderung für die Betroffenen ist jedoch, dass sie meist selbst aktiv werden müssen, und das bedeutet für einige eine große Überwindung.
Genügt es dann, einsame Menschen öfter zu Veranstaltungen einzuladen?
Das ist eine wichtige Frage. Wir haben erkannt, dass viele Menschen, die sich einsam fühlen, sich oft nicht zugehörig fühlen. Ich kann auch in einer Gruppe oder Gemeinschaft einsam sein, wenn ich mich fremd, nicht wahrgenommen oder nicht wertvoll fühle. Wenn ich stattdessen so, wie ich gerade da bin, wahrgenommen werde und das Gefühl vermittelt bekomme, in meiner eigenen Art beitragen zu dürfen, dann bekomme ich ein Gefühl von Zugehörigkeit.
Wie hat sich die Interessengruppe Gesundheit mit dem Thema Einsamkeit auseinandergesetzt?
Ausgehend von Bahá’u’llás Worten: „Befasst euch gründlich mit den Nöten der Zeit, in der ihr lebt, und legt den Schwerpunkt eurer Überlegungen auf ihre Bedürfnisse.“1 hat die Interessengruppe zunächst vielfältige Artikel und Beiträge aus den Bereichen Medizin, Psychologie, Sozialwissenschaften sowie Textstellen aus den Bahá’í-Schriften zusammengetragen, studiert und sich darüber ausgetauscht.
Ein Statement der Internationalen Bahá‘í-Gemeinde zur Rolle der älteren Menschen in der Gesellschaft hat uns inspiriert, uns dem Thema Einsamkeit zu widmen. Wir haben uns daraufhin unter anderem gefragt: „Wie können wir eine Kultur der Fürsorge entwickeln und was braucht es dazu?“, „Wie kann man Räume für Begegnung schaffen?“, „Welche Rolle spielt der Materialismus bei der Entstehung von Einsamkeit?“, und „Was passiert, wenn geleugnet wird, dass der Mensch in erste Linie ein geistiges Wesen ist?“ Über diese Fragen haben wir uns nicht nur intellektuell, sondern zunehmend auch auf einer persönlichen Ebene ausgetauscht. So ist mit der Zeit ein Vertrauensraum entstanden, der tiefergehende Erkenntnisse möglich machte.
Wie setzt ihr eure Erkenntnisse in die Praxis um?
Es gibt bereits großartige Projekte wie Plauderbänke oder Walk & Talk Spaziergänge, die einsamen Menschen als niedrigschwellige Angebote dienen, um mit anderen in Kontakt zu kommen. Mit solchen Initiativen stehen wir im Austausch und haben sie bereits selbst mit Freude ausprobiert. Als ein Ergebnis unserer Arbeit haben wir auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Bahá’í-Studien Workshops angeboten, die großen Zulauf gefunden haben. Eine Erkenntnis daraus war, dass das, was wir mitteilen möchten, Einfluss auf die Herzen haben muss. Sonst fängt es mit Worten an und hört mit Worten auf. ʻAbdu’l-Bahá hat dazu gesagt: „Die Seelen neigen zur Entfremdung. Zuerst sollten Schritte unternommen werden, diese Entfremdung zu beseitigen; nur dann wird das Wort wirken.„2

Das Workshopmaterial zu den Themen Einsamkeit, Entfremdung, Zugehörigkeitsgefühl, Gemeinschaftsgefühl, Zufluchtsort und Kultur der Fürsorge kann bei Interesse angefordert werden bei: ShirinPanahiBota(at)aol.com
Auch zu anderen Themenbereichen haben sich Interessengruppen gegründet. Mehr dazu erfahren Sie auf der Seite der Gesellschaft für Bahá’í-Studien: https://gbs.bahai.de




