Ein neues Wir-Gefühl entsteht

In Neubrandenburg nutzen seit Kurzem 70 Personen das Angebot des Bahá’í Bildungsinstituts

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Personen sitzen an einem Tisch, spielen Karten und unterhalten sich. Im Hintergrund steht Cafe International

Durch Erfahrungsaustausch und Beratung können Erkenntnisse aus unserem Handeln reflektiert, miteinander geteilt und weiterentwickelt werden. Tugenden wie Aufrichtigkeit, Wertschätzung und gegenseitige Ermutigung tragen wesentlich zu einer neuen Kultur des Zusammenlebens bei. Die Bahá’í-Gemeinde hat zu diesem Zweck ein Bildungsinstitut ins Leben gerufen, das dazu anregt, die in jedem Menschen angelegten Tugenden und Talente zu entwickeln und in die Tat umzusetzen. Die Materialien werden weltweit in Nachbarschaften eingesetzt und tragen dort zu einem neuen Gemeinschaftsgefühl bei. Bahá’í vor Ort hat sich mit Susan getroffen, die das Bildungsinstitut vor fünf Monaten das erste Mal nach Neubrandenburg gebracht hat und inzwischen 70 Personen in seiner Anwendung begleitet. 

Begleitung aus Potsdam

NEUBRANDENBURG, Mecklenburg-Vorpommern. Es ist Donnerstagmorgen. Susan ist mit ihrem Team auf dem Weg von Potsdam ins Café International in Neubrandenburg. Auf der dreistündigen Hinfahrt planen die vier Freunde den Tag: Welche Themen können sie heute mit den afghanischen Frauen besprechen?  Wie regt man die Kinder zum Nachdenken über Gerechtigkeit an? Braucht jemand besondere Unterstützung? Die Gruppe begleitet knapp 70 Personen dabei, eine Gemeinschaft aufzubauen, in der gegenseitige Unterstützung und Ermutigung gelebt wird und die sich für den Fortschritt von Neubrandenburg einsetzt. Doch das war nicht immer so!

Die gebürtige Iranerin Susan lebt seit einem Jahr in Potsdam. Dort wird das Bildungsinstitut schon lange als Werkzeug eingesetzt, um die Menschen in der Nachbarschaft zu befähigen, sich konstruktiv in ihrem Umfeld zu engagieren und zu einer lebendigen, wachsenden Gemeinschaft beizutragen. Susan wollte diese Entwicklung auch dort ermöglichen, wo bisher noch niemand das Material kannte, und fuhr deshalb vor fünf Monaten das erste Mal mit ihrem Mann Siavash nach Neubrandenburg. Da sie noch nicht gut Deutsch sprach, ging sie ins Café International, einem Begegnungsort der Diakonie, den viele Menschen mit Migrationshintergrund aufsuchen. Dort traf sie auf afghanische Frauen, mit denen sie aufgrund des vergleichbaren Hintergrunds sofort ins Gespräch kam. Sie erkannte schnell die Sorgen und Nöte, mit denen die Migrantinnen in der für sie fremden Kultur konfrontiert waren. Susan hatte beim Bahá’í-Institut für höhere Bildung im Iran Psychologie studiert und bot der Leitung der Einrichtung an, die Frauen auf einer persönlichen Ebene seelisch zu begleiten. Das Angebot wurde von der Diakonie und den Afghaninnen dankbar angenommen. Im Laufe der Zeit schlug sie auch vor, gemeinsam mit den Frauen zu beten, was aufgrund deren tiefer Religiosität ebenfalls vom Träger bewilligt wurde. Und so kam es, dass Susan bereits nach einem Monat mit knapp 25 Frauen im regelmäßigen Austausch stand.

Fortschritt für alle ermöglichen

Neben den Donnerstagsterminen herrschte rege Kommunikation über eine WhatsApp-Gruppe und in persönlichen Gesprächen. Dadurch rückten mehr und mehr auch die zahlreichen Kinder der Frauen ins Licht und Susan erkannte den Bedarf, auch ihnen das Bildungsinstitut anzubieten. In einem Gespräch mit der Leitung des Cafés stellte sie das Material als soziales Angebot der Bahá’í-Gemeinde vor, das weltweit angewendet wird. Der Vorschlag stieß auf sehr positive Resonanz. Susan holte sich Unterstützung von Jugendlichen aus Potsdam und schon bald fanden Gruppen für Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren statt, in denen gemeinsam über Tugenden und ihre Anwendung im Alltag gelernt wurde. Auch eine Gruppe für jüngere Jugendliche zwischen elf und vierzehn Jahren wurde angeboten. In beiden Gruppen wurde Deutsch gesprochen, da die Kinder und Jugendlichen in der Schule Deutsch sprechen. Parallel dazu studierte Susan mit den Frauen die Materialien des Bildungsinstituts in persischer Sprache. Für die meisten war das Lesen, Verstehen und Anwenden von Texten etwas völlig Neues, da sie bisher nur wenig Bildung erfahren hatten. Susan ging daher in sehr kleinen und individuell angepassten Schritten vor, damit jede Person in ihrem eigenen Rhythmus lernen konnte.

Es gab auch Tage, an denen fast niemand kam. Doch die Gruppe um Susan ließ sich davon nicht entmutigen und war beständig und zuverlässig jede Woche vor Ort. Auf der dreistündigen Zugfahrt nach Hause reflektierten sie per Google Translator die Geschehnisse des Tages, sodass sich ein Rhythmus von Planen (auf der Hinfahrt), Handeln (vor Ort) und Reflektieren (auf der Rückfahrt) festigte. Nach fünf Monaten kamen die Teilnehmerinnen regelmäßig zum Bildungsinstitut in das Café International.  

Das Angebot des Bahá’í-Bildungsinstituts wird im Café International dankbar angenommen.

Ein Rahmen, der Gemeinschaft schafft

Susan und ihr Team haben es sich zum Ziel gesetzt, dass die rund 70 Kinder, Jugendlichen und Frauen bald selbstständig ihre Aktivitäten voranbringen und die Hilfe aus Potsdam nicht mehr benötigen. Ein erster Schritt ist bereits gemacht, denn die Frauen planen nun zum ersten Mal ein gemeinsames Fastenbrechen im Ramadan, zu dem alle Besucher des Café International eingeladen sind. Ein großer Schritt für die Afghaninnen, für die eigenständiges Organisieren nicht selbstverständlich ist. Susan sieht die Wurzeln dieses Fortschritts im Bildungsinstitut. Der Wunsch zur Gesellschaft beizutragen sei stark, doch viele wüssten nicht, wie. Das Bildungsinstitut biete da das optimale Rahmenwerk zur Befähigung und um zu lernen, die eigenen Fertigkeiten einzubringen. Susan erzählt auch, dass die Frauen bei Gesprächen über Tugenden wie Wahrhaftigkeit erst verhalten reagiert hätten und meinten, das passe nicht zu ihrem Familienleben. Doch mit der Zeit öffneten sie sich dem Gespräch und Susan merkte, dass die Materialien einen positiven Einfluss auf ihre Herzen nehmen. Da nun auch die Kinder und Jugendlichen mit diesen Gedanken nach Hause kommen, wandeln sich langsam die Familien, und rund um das Café International entsteht ein neues Gemeinschaftsgefühl.

Wenn Sie auch das Bahá’í-Bildungsinstitut kennenlernen möchten, melden Sie sich gerne unter kontakt(at)bahai.de.